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| Die Geschichte des Blindenführhundes | |
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Genauere Berichte über die Abrichtung eines Hundes als Führhund gehen auf den in
seinem 20. Lebensjahr erblindeten Wiener Josef Reisinger zurück. Als er mit 28
Jahren einen Spitz geschenkt erhielt, richtete er ihn ab. Nachdem sich der Hund
an ihn gewöhnt hatte, wurde ihm beigebracht vor und nicht neben seinem Herrn zu
laufen. Anschliessend wurde an Hindernissen geübt und der Spitz war schliesslich
imstande auch Treppen anzuzeigen. Reisinger wendete eine harte Dressurmethode
an, die den ruckartigen Zug an der Leine und Stockschläge einschloss. Die Leine
mit dem Hund wurde in der linken Hand gehalten, während er in der rechten einen
Taststock hatte. Nach einjähriger Dressur war die Arbeit des Hundes so perfekt,
dass Reisinger verdächtigt wurde die Blindheit zu simulieren.
In seinem bedeutenden Werk „Lehrbuch zum Unterricht der Blinden“, das 1819
veröffentlicht wurde, macht Johann Wilhelm Klein den Vorschlag für eine
Blindenschule Hunde abzurichten, damit diese den Schülern beim Ausgang zu
Führzwecken zur Verfügung stünden. Er ist der Ansicht, dass Pudel und
Schäferhunde für diese Aufgabe besonders geeignet seien. Klein weist darauf hin,
dass bei Verwendung eines Stabes statt einer Leine die Bewegungen des Hundes
kontinuierlich und unmittelbar vom Blinden wahrgenommen werden, womit das
Prinzip das dem heute verwendeten starren Bügel zugrunde liegt, zum ersten Mal
artikuliert wird. Er kommt zur richtigen Erkenntnis, dass die Abrichtung des
Hundes zweckmässiger weise in den Grundzügen von einem Sehenden vorgenommen
werden und dass der Blindenführhund nur von seinem Herrn gefüttert und gepflegt
werden sollte.
Ein weiterer Blinder der zur Selbsthilfe griff und sich einen Hund abrichtete,
war der Schweizer Birrer der in seinem 1847 erschienenen Buch „Erinnerungen,
besondere Lebensphasen und Ansichten des Jakob Birrer“ ausführlich über die
Abrichtung eines Spitzes berichtete. Der Hund von Birrer lernte, auch
komplizierte Hindernisse anzuzeigen und wurde ebenfalls einer harten
Dressurmethode unterworfen, aber bei zufriedenstellenden Leistungen,
gestreichelt und gefüttert.
Der 1. Weltkrieg stellt wohl die wichtigste Zäsur in der Geschichte des
Führhundewesens dar. Bis dahin gab es nur vereinzelte Fälle der Selbstausbildung
von Führhunden. Durch die Folgen des Krieges entstand die Notwendigkeit viele
erblindete Soldaten mit dem damals einzigen Mobilitätshilfsmittel, zu versorgen.
Die Idee Hunde in Führhundeschulen systematisch durch Fachkräfte zu
Blindenführhunden auszubilden – sie stammt in dieser Form vom Wiener Arzt
Sennefelder - , wurde vom Deutschen Verein für Sanitätshunde realisiert. Im
August 1916 wurden Sanitätshunde zu Führhunden umgeschult; im Oktober 1916 wurde
der erste von einer Führhundeschule systematisch ausgebildete Blindenführhund
einem Kriegsblinden übergeben. Dieser erste Führhund stammte aus der ersten Führhundeschule der Welt in Oldenburg. Bereits im Jahre 1931 liessen sich von den 2900 Kriegsblinden 62% von einem Führhund begleiten. Wie sehr der Führhund ursprünglich ein Produkt des ersten Weltkriegs war, zeigt sich an diesem hohen Prozentsatz und daran, dass ein Führhund bis 1922 nur an Kriegsgsblinde abgegeben wurde. 1935 waren in Deutschland bereits 3000 Führhunde im Dienst. In der Oldenburger Schule dauerte die Ausbildung eines Führhundes ca. ein halbes Jahr. Der Einführungslehrgang dauerte vier bis sechs Wochen. Dem Lehrgang schloss sich eine zusätzliche Einweisung am Wohnort des Blinden an; für dies Nachbetreuung wurde der erste Deutsche Polizeihundeverein gewonnen. Am Ende des Lehrgangs stand eine Prüfung des Gespanns durch eine Prüfungskommission an. Die Schule Oldenburg verfügte über einen Hindernisgarten, Zwingeranlagen und eine Schlechtwetterhalle.
Sie bildete jährlich bis
zu 600 Führhunde aus. Die anfangs günstigen Rahmenbedingungen verschlechterten
sich aber rasch. So war die Schule Oldenburg aus Kostengründen gezwungen beim
„Hundematerial“, bei der Ausbildung des Hundes und des Blinden sowie des
Personals zu sparen, was Abstriche von der Qualität bedeutete. So wurden
vermehrt kranke, ungeeignete oder schlecht ausgebildete Führhunde ausgeliefert
und die Einführungszeit wurde auch immer kürzer. Auch der Versuch die Hunde
durch Schläge besser auszubilden verbesserte die Situation nicht. Die
wirtschaftlichen Probleme der Zwischennachkriegszeit , die grosse Nachfrage und
die geringe Kapazität, das Missmanagement der Vereinsleitung und der Unwille
kritische Erfahrungen der Führhundehalter zu verwerten, führten zum stetigen
Niedergang. Schliesslich wurde die erste Führhundeschule der Welt im Jahre 1931
geschlossen; später zwar wieder eröffnet aber nur in verkleinertem Umfang
weitergeführt. |
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